Erfahrungsbericht Eltern – Kindcamp

Generation Smartphone trifft auf Wildnis

Erste Finnland Erfahrung für Kinder aus der Wetterau

Bei einer neuerlichen Reise in den finnischen Teil Kareliens führte ich im Spätsommer 2015 mit meinem Kollegen Andreas von Hike and See erstmals ein
Eltern/Kind Camp mit sieben Kindern zwischen zehn und fünfzehn Jahren und ihren Papas durch. Ziel war eine Halbinsel zwischen Ilomantsi und Möhkö, nahe der russischen Grenze.
Mit einer Fläche von etwa 300 Hektar ist sie außer am nördlichen Zugangsstreifen von einer schönen Seenlandschaft umgeben. Das Camp selbst gehört zur Kommune Ilomantsi mit ihren 6.263 Einwohnern. Sie ist die größte östliche Gemeinde von Finnland, Nordkareliens und der kontinentalen EU. Lediglich Zypern liegt noch etwas östlicher. Das Camp wurde in der Historie für verschiedene kommunale Zwecke eingesetzt, zuletzt für Treffen der regionalen Veteranenvereinigung und ihren Familien, unter Schirmherrschaft des Bürgermeisters von Ilomantsi.

Vor Antritt der Reise prägte die Spannung bei Andreas und mir das Geschehen, ob die Kinder in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstufen zu einer homogenen Gruppe zusammenwachsen. Wir stellten uns ganz bewusst den Herausforderungen, die solch eine gemischte Altersgruppe mit sich bringt. Waren jedoch von Beginn an zuversichtlich, dass uns der Spagat zwischen Kindern und pubertierenden Jugendlichen gelingen wird.
Trotz Regen und früher Dunkelheit war die Stimmung am ersten Abend nach der Ankunft locker und von der Neugierde geprägt, was die Natur um das Camp in den kommenden Tagen bereithalten würde. Am Lagerfeuer bei landesüblicher Makkara (Grillwurst) sorgte der jüngste Teilnehmer mit seinem großen Fundus an lustigen Geschichten und Witzen dafür, dass keine Langeweile aufkam.

Die folgenden Tage brachten dann glücklicherweise viel Sonnenschein. Bei den Vätern und Guides kam immer wieder die Frage auf, was wohl die Kinder bei ihrer ersten Reise in den Norden an bleibenden, nachhaltigen und wertvollen Erfahrungen mit nach Hause nehmen würden.
Ein ganz besonderes Erlebnis in Karelien war der Umgang mit den zuhause allgegenwärtigen und ständig genutzten Smartphones. Wer hätte gedacht, dass
einige Kids nach unserem entsprechenden Hinweis im Vorfeld der Tour hin wirklich ihr Smartphone zu Hause lassen würden? Die dennoch mitgebrachten Smartphones wurden nach einer kurzen Besprechung aller wie vereinbart eingesammelt. Natürlich wurden ein paar Stimmen des Protestes laut, die aber schnell verstummten. Die nächsten Tage zeigten dann sehr eindrucksvoll, dass es auch heutzutage tatsächlich einmal „ohne“ Smartphone geht, dass man auch ohne Smartphone weiterlebt.
Hinsichtlich der Nahrungsmittel sind wir bei all unseren Touren darauf bedacht, die Gruppen möglichst gesund und mit lokalen finnischen Produkten zu versorgen. Dabei nehmen wir zudem Rücksicht auf Lebensmittelunverträglichkeiten. Die Umstellung auf Lebensmittel anderer Herkunft führte bisweilen zu interessanten Entdeckungen.So eröffneten uns die Kinder bald einhellig und unabhängig vom Alter, wie wenig süß der finnische Zucker doch sei. Bei einem Frühstück regte sich einer auf, die Milch sei bereits nach dem ersten Tag sauer und die Cornflakes schmeckten eklig. Er hatte die Buttermilch „Piimä“ mit Frischmilch verwechselt. Blutwurst am offenen Feuer zubereitet und umgangssprachlich „Tampere Shit“ genannt, ist geliebt oder gehasst, dazwischen gibt auch bei Kindern nichts.

Die Sauna wurde in den folgenden Tagen zum Selbstläufer. Schwitzen im Wald und dann eintauchen in das kalte Seewasser machte alle zufrieden sowie stolz, bald wurde die Schwitzkiste bereits morgens angeheizt. Manche nahmen gerne das Bad am Morgen, um wach zu werden, andere am Mittag in Verbindung mit einem Sonnenbad, oder abends bis spät in die Dunkelheit zur Sauna-Abendsession.
Im Camp fanden die ersten „ilompischen Spiele“ der Teilnehmer statt. Veranstalter Risto Matilainen und Markku Lappalainen steckten den Parcour ab, auf dem zuerst ein Biathlonwettbewerb ohne Skier aber dafür mit gefesselten Beinen und Skistöcken stattfand. Der Schießstand wurde durch eine Dartscheibe ersetzt. Danach wurde zur zur ilompischen Sommerdisziplin Speerwerfen gewechselt. Wobei der Speer nur ein Streichholz mit schwarzem Griff war und wenige Milligramm wog. Beachtlich, welche Weiten trotzdem erzielt wurden. Finnischer Humor ist eben einzigartig und kam in der
Gruppe sehr gut an.

Eine Übernachtung in der Wildnis für die großen Kinder mit Papas und Tourguide Andreas in einem 7 km entfernten Laavu war eine unvergessliche Erfahrung und ließ alle noch etwas wachsen. Immer wieder gab es Gelegenheit, die Kanus zu Wasser zu bringen, um ein paar Runden auf dem See zu drehen. Finnische Seenlandschaften sind dafür bekanntlich ein Paradies, wenn die Wellen und der Wind nicht zu heftig sind.
Abends lese ich am Kaminfeuer für die „Kleinen“ aus dem Buch „Finnische Volksmärchen“ vor und muss feststellen, dass diese ebenso speziell und grausam sind, wie die bekannten Märchen aus Deutschland. Der Bär, der sich selbst auffrisst, steht dem Rotkäppchen in nichts nach. Gerne binden wir bei Hike and See auch das Wissen unserer Tourteilnehmer in unser Programm ein.
So zeigte uns Achim, ein ausgebildeter Geologe, die große Vielfalt der in Finnland vorkommenden Gesteinssorten und erklärte eindrucksvoll ihre Geschichte, Entstehung und Bedeutung. Wir lernten dabei, dass nahezu alle wichtigen Gesteine der Erde in Skandinavien, dem ältesten Teil der europäischen Plattenformation, vertreten sind. Mit dem Geologenkompaß zeigte er, wie die Größe und Lage einer Gesteinsplatte kartographiert werden kann.
Das Fischen vom Boot oder am Ufer hat seinen Reiz, solange der Schwimmer zappelt, aber Fische töten, ausnehmen, salzen und am Feuer zubereiten ist eine andere Hausnummer. Darum versuchen wir immer bei unseren Outdoortouren zu vermitteln, dass Fischen dem Zweck der Nahrungsergänzung dient und wir kein Sportangeln oder Trophäensammeln betreiben möchten.
Im Laufe der Woche wurden noch einige weitere Themen vermittelt, wie zum Beispiel das Anzünden eines Lagerfeuers unter Verwendung von alternativen Zündquellen zum Streichholz und Feuerzeug. Mit richtiger Vorbereitung des Zunders trumpfte hier das einzige Mädchen der Gruppe und ihr Papa auf. Wieder einmal erfuhren wir, welches Glücksgefühl die kleine lodernde Flamme den Beteiligten vermittelt. Auch suchten wir abends nach Sternen, die eine Orientierung bei Dunkelheit ohne Kompass und GPS ermöglichen. Ein hochwertiges wasserdichtes Fernglas erfreut sich schnell großer Beliebtheit und die Frage, ob man damit auch unter Wasser nach Fischen schauen kann, musste nachdrücklich verneint werden.
Es ist ein langer Weg das „Jedermannsrecht“ an deutsche Kinder zu vermitteln, egal ob es das kleine Kaffeefeuer oder den großen Umweltschutz betrifft. Die Herausforderungen in diesem Bereich können nicht groß genug sein. Wenn der Setzling zum Baum wird, haben wir unsere Aufgabe mit Stolz erfüllt.

Am Ende der Woche angelangt, reiste eine Kindergruppe ab, die Gemeinsamkeiten und Sozialverhalten entwickelt hatte und Finnland besser verstand. Die Kinder tragen sicherlich etwas weiter, was niemanden schadet, sondern ihnen allen sowie ihren Familienmitgliedern und Bekannten, das Land im Norden näherbringen wird.

Wir danken vielmals für die schöne Erfahrung.
Kiitoksia paljon

Thomas Schicketanz und Andreas Diehl von Hike and See
Wildnistouren in Finnland und

September 2015

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